Warum nicht? Kritik an “Mars One”

Wie jedes andere Vorhaben muss sich auch “Mars One” kritischen Fragen stellen und den Raum für eine offene Diskussion lassen. Ich möchte mich an einer solchen Auseinandersetzung beteiligen. Daher habe ich zu einigen immer wieder vorgebrachten Kritikpunkten meine Position formuliert. Damit kann die Diskussion aber natürlich nicht erschöpft sein: Mich interessieren eure Einwände, Probleme, Fragen – also schreibt mir!

Ist „Mars One“ ethisch vertretbar, wenn die Astronaut_innen niemals zurückkehren?
Meines Erachtens wäre es eher ethisch unvertretbar, den Astronaut_innen die Reise zu verbieten. Wer die freiheitlich-demokratische Grundordnung schätzt, für den ist die Freiheit, selbst über sein eigenes Leben bestimmen zu können, ohne jemand anderem dabei Schaden zuzufügen, nicht hoch genug anzusiedeln. Dazu gehört auch, fremdes Handeln zu akzeptieren, das man selbst nicht unmittelbar nachvollziehen kann. Alle Bewerber_innen werden in der zweiten Runde des Auswahlverfahrens seriös ärztlich auf nachweisliche Pathologie (körperlich wie seelisch) untersucht, um auszuschließen, dass tatsächlich ein Leiden und nicht das Interesse an der Sache das Verhalten der Bewerber_innen bestimmt.

Sollten wir nicht erst die Probleme auf der Erde lösen, bevor wir auf den Mars fliegen?
Die Mittel und Methoden, die wir bei der bemannten Erforschung des Mars entwickeln und gewinnen, werden uns helfen, das menschliche Dasein, das Mensch-Sein als solches besser zu verstehen. Mit diesem Wissen, was uns menschlich macht, wie menschliches Zusammenleben funktioniert, wie unsere Zukunft aussieht, werden wir auch viele bisher ungelöste Probleme auf der Erde bewältigen können.
Der Mars inspiriert die Menschen seit Jahrtausenden. Ihn zu betreten und zu erforschen bedeutet, einen Menschheitstraum auszufüllen, dessen Verwirklichung den Glauben der Menschen stärken kann, dass scheinbar unlösbare Konflikte oder unveränderbare Verhältnisse doch aufgrund menschlichen Handelns positiv beeinflussbar sind.

Sollte der Mars nicht für die gesamte Menschheit geschützt werden, statt ihn individuell zu besiedeln?
Die „Mars One“-Mission zielt auf die Beteiligung großer Bevölkerungsteile ab. Das macht dieses Projekt zu einem Menschheitsvorhaben.
Der Mars selbst wird von der Mission keinen Schaden davontragen, sein Erbe bleibt auch nach der Mission für die gesamte Menschheit geschützt: Die Mission ist schon von sich aus daran interessiert, alle Materialien vor Ort aus Kostengründen möglichst vollständig zu recyclen und Energie sparsam einzusetzen. Die Energie wird über Solar-Module umgewandelt.
Zudem werden die Astronaut_innen aufgrund der harschen Bedingungen auf dem Mars in weitestgehend abgeschlossenen Habitaten leben und Schutzanzüge tragen – diese Einrichtungen werden die Menschen vor dem unwirtlichen Mars genauso schützen wie den Planeten vor eventuellen unbekannten Gefahren, die von seinen neuen Bewohner_innen ausgehen.
Zudem ist die Projektleitung in ständigem Austausch mit dem entsprechenden Dachverband („Committee on Space Research“, „COSPAR“), welcher die nötigen Maßnahmen zum Schutz des Mars veranlassen wird. Auch über die Sinnhaftigkeit von teils rigorosen Vorgaben des “Office of Planetary Protection” der NASA lässt sich kontrovers diskutieren (hier ein Artikel dazu auf spektrum.de)

Ist es nicht menschenunwürdig, die Astronaut_innen ununterbrochen im Fernsehen zu übertragen?
Die Übertragung dient nicht der Befriedigung voyeuristischer Bedürfnisse der Erdbevölkerung, sondern ihrer transparenten und allumfänglichen Beteiligung auf allen Ebenen des Menschheitsprojekts „Mars One“.
In unserem heutigen Zeitalter steht letztlich auch auf der Erde jenseits einer Fernsehsendung jeder Mensch unter ständiger Beobachtung: Jeder Mensch, ob er will oder nicht, unterliegt dem Zwang zur Inszenierung, um sich seiner Umwelt in seinem Wesen mit-teilen zu können. Vor allem die Ereignisse des vergangenen Jahres haben zudem unterstrichen, dass eine Überwachung von Großteilen der Bevölkerung bereits jetzt stattfindet – ohne deren Wissen oder Zustimmung.
Die Teilnahme an unterhaltenden Fernsehsendungen darf natürlich nicht an die Hilflosigkeit von bestimmten Personengruppen oder eine aus finanziellen oder sonstigen materiellen Gründen hervorgerufene Hilflosigkeit geknüpft sein. Bei „Mars One“ besteht diese Gefahr nicht – ganz im Gegenteil zu verschiedenen vermeintlich vergleichbaren Unterhaltungssendungen, wie sie uns aus dem privatrechtlichen Rundfunk bekannt sind.
Die Teilnahmebedingungen bei „Mars One“ waren von Anfang an allen Bewerber_innen klar.

Hier könnt ihr mein Bewerbungsschreiben an” Mars One” lesen…

2 Comments

  1. Geehrter Herr Nowiak!

    Ich akzeptiere durchaus ihre Ansicht, daß sie das individuelle Recht auf Selbstmord haben, wenn sie dadurch keinen Schaden für andere verursachen! Ich denke aber, daß sie genau das tun, wenn sie der übrigen Menschheit Ressourcen entziehen, die an anderer Stelle sinnvoller eingesetzt werden können!

    Zum Beispiel, wenn man bei der bemannten Raumfahrt bleiben will, wäre eine permanente Kolonie auf dem Erdmond sehr viel billiger zu realisieren und sie wäre für die Erde auch ein viel sinnvolleres Projekt, weil eine Mondkolonie mit der Erde interagieren könnte, zum Beispiel indem man dort Bodenschätze abbaut, die man für den Aufbau großer, erdorbitaler Strukturen nutzen könnte! Das kann man natürlich auch auf dem Mars tun, nur hat der Mars eine höhere Schwerkraft als der Mond, wodurch es energieintensiver ist eine Last vom Boden in einen Marsorbit zu liften und von dort zur Erde zu befördern!

    Und ganz nebenbei halte ich den Mars UND den Mond für eine permanente Kolonisierung für völlig ungeeignet, weil beiden Himmelskörpern nun mal ein Magnetfeld fehlt, ohne das der Auffenthalt außerhalb stark geschützter Habitate zu einem lebensgefährlichen Unterfangen wird! Mag sein, daß wir uns in 50 oder 100 Jahren technisch schützen können, aber HEUTE können wir das nicht!

    “Mars One” plant angeblich eine Kolonie, aber realistisch betrachtet ist das nur ein Stützpunkt, wo man importierte Erdluft atmet, Erdwasser trinkt und Erdnahrung ißt und wo die “Kolonisten” dann einige Arbeiten wiederholen, die Roboter bereits gemacht haben!

    Damit wäre ich beim letzten und vielleicht wichtigsten Punkt: unbemannte Raumfahrt ist sehr viel billiger als die bemannte! Sicherlich können Roboter nicht alles erledigen was Menschen erledigen können, aber das müssen sie ja auch nicht, denn es gibt ja auf der Erde Menschen, die den Robotern Befehle geben können!

    Kostspielige bemannte Raumfahrtprojekte ziehen vor allem Geld für unbemannte Projekte ab, erreichen aber letztlich nur genau das gleiche, wegen des Kostenfaktors aber sogar viel weniger! Oder möchten sie auch bemannte Missionen zur Venus, zum Merkur, zu Ceres, den Jupiter- und Saturnmonden finanzieren? Bei jahrelangen Reisezeiten fragt sich, ob die Astronauten dort lebendig ankommen? – Roboter kommen problemlos an!

    Ich bin ein Fan von Raumfahrtprojekten, aber ich bin sehr dafür, daß wir mit unseren begrenzten Ressourcen auch wirklich das Maximum erreichen!

    Zum Vergleich wäre die bemannte Mondlandung ein gutes Beispiel: letztlich war das nur ein sehr teurer Publicity-gag der Amis, denn die Russen sind schon drei Jahre früher unbemannt auf dem Mond gelandet und haben Bodenproben zur Erde zurückgebracht! Die 6 bemannten Landungen haben kein bischen mehr Erkenntnisse gebracht als es éine Fortführung unbemannter Projekte hätte! Aber die bemannten Mondlandungen haben der Nasa Kapital entzogen, die es ihnen danach nicht gestatteten ihre Raumstation Skylab permanent zu bemannen, während die Russen seit damals mehrere Stationen (bis zur Mir) permanent im erdnahen Orbit (mit geringerem Budget) betreiben konnten!

    Ich wünsche ihnen…
    (bin mir nicht sicher was)

    N.Ahrend

    PS: Ich habe keine Einwände gegen eine Veröffentlichung meiner Mail, aber ich denke, sie werden das wohl nicht tun!

    PPS: ein persönlicher Tip: sehen sie sich mal das niedrige Budget von Mars One an! Ich würde mich frage wie die Sicherheitsspielräume dabei kalkuliert sind, oder ob man die gleichen wie bei unbemannten Flügen nimmt? (Bei einem Fehlschlag schickt man halt ein zweites Schiffchen)

    Und wenn es zu einem Fehlschlag kommt, vielleicht erst bei der 2. oder 3. Mission und die Menschen der Erde reagieren empört? Dann könnte die Unterstützung für weiteren Nachschub ausbleiben, weil der hiesige Ableger von Mars One pleite geht!

    Der könnte auch pleite gehen, weil die TV-Einnahmen nicht reichen! Man muß durchaus damit rechnen, daß die Menschen irgendwann müde sein werden immer nur die gleichen paar Kubikmeter eines Habitats mit 4 oder 6 oder 8 Personen auf dem Bildschirm zu betrachten!

    Denken sie darüber nach, was sie auf dem Mars tun werden, wenn Mars One keine weiteren Flüge finanzieren kann, wenn dann der dringend benötigte Nachschub ausbleibt?

    • Lieber Herr Ahrend,
      vielen Dank für Ihre wichtigen und anregenden Hinweise. Auch wenn ich mir sicher bin, dass bei einer gewissenhaften Planung die Mission durchführbar wäre, haben Sie bestimmt selbst schon verfolgt, dass ich das gesamte Projekt auch kritisch betrachte, insbesondere in Bezug auf die geplante “Reality”-Vermarktung. Letztlich liegt das aber nicht in meinem Ermessen bzw. ich hoffe, dass “Mars One” auch für die spektischen Geister ein offenes Ohr hat. Letztlich war es mir wichtig, dass wenn dieses Projekt durchgeführt wird, genau auf die von Ihnen benannten Punkte aufmerksam zu machen: Wir leben auf einem “reichen” Planeten, und dennoch leben die meisten, als wären wir “hinter dem Mond”. Ich denke unabhängig davon, dass bemannte Raumfahrt auf jeden Fall zweckmäßig ist, denn niemand sagt uns, dass wir es wie zu Zeiten des Kalten Krieges machen müssen. Viele wissenschaftliche Fragen können inzwischen nicht mehr allein durch “virtuelle” Erkundungen beantwortet werden. Ob das nun in 10, 30 oder 50 Jahren passieren soll, ist eine Frage des persönlichen Standpunktes und des individuellen Optimismus.
      Ich würde mich in Zukunft über einen weiteren Austausch freuen, denn letztlich lebt der Fortschritt vom gelebten Diskurs, den ich auf dieser Seite weiter forcieren möchte.
      Herzliche Grüße,
      Denis Newiak

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